River's Edge

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River's Edge, Japan 2018, 118 MIn., Regie: Isao Yukisada, mit Fumi Nikaidou, Ryo Yoshizawa, Aoi Morikawa, Shuhei Uesugi, Sumire, Shiori Doi

Tokio 1994. In einem Videointerview redet eine junge Frau über die Bedeutung eines Teddybären. Kurz darauf stürzt in der Nacht ein brennendes Objekt aus einem Hochhaus. Ein gefesselter, nackter junger Mann fällt aus einem Spind. Zwei Fischer reden über einen Wassergeist. In Isao Yukisadas außergewöhnlichem Drama River’s Edge werden viele Fährten gelegt und die Wechsel zwischen den Erzählsträngen sind so sprunghaft und unberechenbar wie die Figuren: Ichiro ist schwul und Opfer der Gewalt seiner Mitschüler, zieht aber Stärke aus seinen Blessuren. An einem nahe gelegenen industrieverseuchten Fluss macht er einen grausigen Fund und zeigt ihn seiner besten Freundin Haruna. Kannonzaki liebt brutalen Sex und überschreitet dabei immer weitere Grenzen. Ein in sich zurückgezogenes Mädchen liest obsessiv in den Tagebüchern ihrer schwangeren Schwester und das bulimische Model Kozue vergräbt sich nachts in Bergen aus Essen. Alle diese und andere Geschichten werden virtuos zum atemlosen Sittengemälde einer getriebenen, scheinbar verlorenen Jugend montiert, wobei die Begegnungen mit Gewalt unabdingbar scheinen.

Quelle: Berlinale


Und dahinter fließt ein ruhiger breiter Fluß

1994 war für Japan das Jahr der Ruhe vor dem Sturm. Nach den Giftgasanschlägen auf die Tokioter U-Bahn im darauffolgenden Jahr und dem Erdbeben von Kōbe wenig später, sollte nichts mehr so sein wie es war. In dieser Zeit, als eben alles noch so war, wie es zu sein pflegte, spielt eines der berühmtesten Manga der japanischen Literatur: „River's Edge“ (nicht zu verwechseln mit dem amerikanischen Film den man im deutschen Sprachraum unter „Das Messer am Fluß“ kennt). Isao Yukisada, der damals selbst in seinen 20ern war und somit die Epoche hautnah als kritischer junger Erwachsener miterlebte – und laut eigener Aussage als schrecklich langweilig empfand – hat nun dieses Kultbuch verfilmt. Ein Historienfilm also wieder. Und diesmal gelingt auch der Zeitsprung dank eines extrem simplen Kniffes: nach wenigen Einstellungen verschmälert sich der Rahmen des leicht farbreduzierten Bildes vom Breitformat beinahe zum Quadrat und erzeugt so den Eindruck von altem Videomaterial. In eine ähnliche Richtung schlägt ein weiterer, erzählerischer Kunstgriff Yukisadas. Er lässt seine Figuren immer wieder zu einem unsichtbaren Interviewer die Ereignisse rückblickend reflektieren und erzeugt so eine dokumentarische Grundstimmung und ein Gefühl von „Weißt du noch wie's früher war?“.

Auf diesem leicht surreal anmutenden Unterboden breitet Yukisada erst einmal einen Berg unzusammenhängender Puzzleteile aus, aber schon bald entsteht daraus ein Mosaik mehr oder weniger freakiger Figuren um eine nicht näher erklärte Schule. Man liebt, hasst und prügelt einander, nimmt Drogen und hat Sex als gäbe es kein Morgen. Ohne Ziel oder Richtung fließt die Geschichte dahin, jeder Tag bringt Neues und doch mehr vom selben.


„River's Edge“ ist wie das Leben selbst, zumindest so wie es sich in den 1990ern noch anfühlte: ohne richtigen Anfang, ohne große Höhepunkte und scheinbar endlos. Was bei anderen Filmen so ziemlich das böseste Urteil wäre, darf hier als positiv gewertet werden. Ob einem dieses erzählerische Dahinfließen mit seinen gelegentlichen kleinen Längen nun gefällt oder nicht hängt von jedem selbst ab. Ich habe mich für ersteres entschieden und habe definitiv Lust bekommen doch endlich einmal mein erstes Manga zu lesen.

Quelle: Michael Gegenhuber in uncut.at